Wie verarbeite ich einen Unfall?

/ 01.08.2019 / / 232

Im Juli 2019 hatten wir in Ostanatolien einen schweren Verkehrsunfall, dessen Aufarbeitung mich an Grenzen geführt hat. Ein Weg, damit fertig zu werden, war die ausführliche Dokumentation meiner Gefühle. Das wichtigste für alle Hilfesuchenden: Die Verzweiflung geht vorüber, denn Zeit heilt fast alle Wunden. Wenn nicht, dann suchen Sie nach professioneller Hilfe!

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Schiere Verzweiflung

Wie wird man mit schierer Verzweiflung fertig? Kann man das lernen? Kann man davon profitieren? Ich denke schon, aber man muss es halt auch erleben. Erleben tut man solche Sachen eher, wenn man Komfortzonen verlässt, aber die Falle kann auch im ganz normalen Alltag zuschlagen. Für mich war es schwierig zu beurteilen “ob ich mir das nicht alles selbst zuzuschreiben habe” – also den Unfall auch als eine Art Strafe oder Quittung zu sehen. In der Nachbetrachtung ist “Schiere Verzweiflung” nichts anderes, als eine Reaktion auf eine momentane oder andauernde Ausweglosigkeit. Gibt es Auswege, dann verschwindet auch die Verzweiflung. Aber der Reihe nach:

Momente, die sich ins Hirn bohren

Ich sitze hinter dem Steuer meines Ford Rangers und genieße die außergewöhnlichen Landschaften der Osttürkei, vor allem das entspannte Fahren hier, als mich ein von hinter mit hoher Geschwindigkeit anrauschender PKW bei einem Abbiegemanöver seitlich erfasst und unser Wohnmobil auf die Seite wirft. Wer das schon mal mitmacht weiß, wie intensiv sich solche Momente ins Hirn bohren.

Der Alptraum endet nicht

Man liegt auf der Seite, hängt im Gurt, um einen herum die Airbags und man verharrt regungslos in der Stille nach dem Aufprall, bis man plötzlich Stimmen hört. Man hofft noch ein paar Sekunden, dass es nur ein böser Traum ist. Ich bin gut im Aufwachen, wenn belastende Träume nicht mehr auszuhalten sind. Meist klappt das und ich kann mich wieder ins Kissen kuscheln. Diesmal klappt es nicht, so sehr ich es auch versuche.

Irgendwann hört man unter den vielen Stimmen über einem seine Eigene: „Du musst ja irgendwann hier raus!“ Obwohl man das eigentlich gar nicht möchte, lieber noch weiterträumen, auch wenn es ein mieser Traum ist.

Nichts ist, wie es sein soll

Ich bin unverletzt, aber Freude darüber kommt nicht auf. In solchen Momenten erfährt man komprimiert eine Zusammenfassung aller Dinge, die in den nächsten Tagen auf einen zukommen. Das ist in Deutschland schon schwierig, aber wie soll ich das im anatolischen Hinterland schaffen? Hier spricht nur jeder hundertste einen Brocken Englisch, wie wird die Polizei reagieren, wer hat Schuld?…. Die Verzweiflung ist so groß, dass sie sich spürbar mit einem stählernen Griff um dein Herz legt. Nichts ist grad, wie es sein soll.

Als mein Gurt gelöst wird sacke ich in mich zusammen, kann mich endlich wieder bewegen und eine der vielen Hände greifen, die mich aus der Tiefe des Autos ziehen wollen. Ich höre nichts auf dem linken Ohr, wahrscheinlich wegen der beiden Seitenairbags, die mir um die Ohren geflogen sind.

Man würde alles für einen Ausweg geben

Hier allein rauszukommen ist schon schwer, wenn man nicht unter Schock steht. Irgendwann sitze ich auf dem umgekippten Auto, schaue mich um und werde wieder von einer so tiefen Verzweiflung ergriffen, die man einfach nicht mehr beschreiben kann. Man würde jeden Knopf drücken, jede Summe zahlen und jedes Mittel nehmen, um aus dieser Nummer herauszukommen.

Ich sitze auf der Seite meines mit unglaublicher Gewalt umgestoßenen Autos und mein Verstand klappert die Optionen ab. Die gibt es nicht allzuviel in Ostanatolien mit immer zu wenig Geld in der Reisekasse, ganz anderen Plänen und einem Zuhause, das man verkauft hat, um sich diesen Camper leisten zu können.

Geht’s den anderen gut? Ist jemand verletzt? Wo ist Sylvia?

Man möchte nur noch schreien

Das Sylvia unverletzt ist, ich selbst, auch der Hund, und auch die 3 Insassen des anderen Autos – all das macht es nicht besser, es macht es nicht mal weniger schlimm. Für sowas hat ein verzweifelter Verstand keinen Raum.

„Hauptsache euch ist nichts passiert!“ Ok, aber wenn du in Ostanatolien auf dem umgestürzten Auto sitzt, dann ist es dir wirklich egal, ob du dir was gebrochen hast oder nicht. Vielleicht wäre es sogar einfacher mit ein paar Schmerzen oder wenn dich irgendein Sanitäter in den Arm nehmen und ins Krankenhaus bringen würde – sollen sich doch die anderen drum kümmern.

Was wäre wenn? Darauf gibt es keine Antwort, denn es ist wie es ist!

„Ist doch nur Blech! Sei froh dass es nicht schlimmer ausgegangen ist“ Verzweiflung hat nicht diesen Spielraum für Freude, sie legt sich wie eine eiserne Faust um dich, lässt dich schwer atmen, verzögert reagieren und denken. Diese eiserne Faust lässt dich nicht los, solange es keine direkten Auswege gibt und vor allem so lange es keine Anzeichen für irgendeine Hoffnung gibt. Und Hoffnung stirbt, wenn du in Ostanatolien auf deinem umgekippten Wohnmobil sitzt und schreien möchtest.

Selbst die Hoffnung, dass du das alles nur träumst musst du irgendwann aufgeben.

Wer überlebt, hat ein Luxusproblem

Ich weiß real ganz genau, dass ich auch hier gerade wieder ein Luxusproblem löse und die syrischen Flüchtlinge in den Lagern um uns herum ganz andere Sorgen haben. Aber auch das interessiert deinen Verstand in diesem Moment nicht.

Er ist so mit der offensichtlichen Unmöglichkeit der Problembewältigung befasst, dass er keine anderen Gedanken zulässt und das Scheitern so als Monument in deine Zukunft pflanzt. Wir sind 5000 Kilometer von zuhause entfernt, haben einen 3,5 Tonnen schweren Stahlklotz mit 3 Rädern am Bein und wirklich keinerlei Möglichkeit, der aktuellen Situation irgendetwas Positives abzugewinnen. Wie soll man das lösen?

Die Situation verbessert sich von Tag zu Tag

Aber das Leben geht dann doch irgendwann weiter: Polizei, Hotel, Autowerkstatt, nochmal Polizei, zahllose Mails und Telefonate mit der Versicherung und dem ADAC. Aber die Beschäftigung mit diesen Dingen allein lässt die Verzweiflung nicht abklingen. Wenn es irgendwann spürbar besser wird, liegt es daran, dass die Vorsehung dir nach und nach ein paar gute Karten in dein aktuell schlechtes Blatt gibt. Wir finden ein Hotel, in dem Hunde erlaubt sind, ein Kunde bezahlt unerwartet eine hohe Rechnung, Fabienne von der Versicherung sagt: „Kriegen wir alles hin!“, die Werkstatt meint „Wahrscheinlich ist der Schaden reparabel!“

Der eiserne Griff löst sich

Nach und nach löst sich der Griff der Verzweiflung, man wird handlungsfähig und aus Schwarz wird zumindest mal ein leichtes Grau. Man kann die Verbesserung des eigenen Blattes provozieren, indem man möglichst viel unternimmt, um Dinge zu regeln – das ist meine Strategie – und Liegestützen machen, das hilft immer.

Unsere positiven Türkeierlebnisse gehen weiter und auf einmal ist Platz für den Gedanken: „Stell dir mal vor, du wärest verletzt worden!“ Unvorstellbar – Aber: Wäre die Verzweiflung dann noch größer gewesen? „Schlimmer geht’s nicht“ ist ein Paradoxum. Es geht immer schlimmer.

Wir fahren mit dem Leihwagen umher und sehen überall Wasserstellen – Der Unfall passierte auf der Suche nach einer Wasserquelle. Wäre der Unfall nicht passiert, wenn ich den Kaffee langsamer getrunken hätte? Diese Gedanken verschwinden mehr und mehr und jeden Morgen geht die Sonne auf und jeder Tag lässt ein wenig mehr Vergessen zu.

Das Leben geht besser weiter

Ich möchte diese Erlebnisse eigentlich nicht missen – auch wenn ich es nicht nochmal haben muss. Aber Wohlfühlzonen zu verlassen bedeutet auch, öfter und massiver mit außergewöhnlichen Situationen konfrontiert zu werden und das prägt einen. Es hört sich blöd an, aber das leben wird wertvoller, wenn man Krisen gemeistert hat.

Wir wollen weiter in den Kaukasus, das ist das Minimalziel und das werden wir schaffen. Die Wartezeit wollen wir eventuell mit einem Besuch des 1000 Kilometer entfernten Ararat überbrücken – per Nachtbus. Oder wir nutzen einen Inlandsflug nach Trabzon. Und wieder muss man raus aus der Wohlfühlzone…

Zeit und Ziele neu bewerten!

Nach dem Unfall haben wir entschlossen, in aller Ruhe die Reparatur unseres Autos abzuwarten und zu realisieren, dass man Zeit nicht verlieren kann, man kann sie allenfalls schlecht nutzen.

Ein Abbruch unserer Reise kommt nicht in Frage, notfalls geht das Auto mit dem ADAC nach Hause und wir reisen als Backpacker weiter in den Kaukasus.

Das Leben in den Griff bekommen

Ich weiß nicht, ob andere Betroffene etwas ableiten können aus diesen Zeilen. Vielleicht funktioniert das auch nicht, wenn Tod oder schwere Verletzungen oder dramatische Schuldfragen im Spiel sind. Aber ich denke, dass wir für unser Leben ein Blatt in der Hand haben, das mal schlecht, mal besser ist. Das Schicksal schiebt uns jeden Tag neue Blätter zu und wir müssen diese Geschenke annehmen. Meist verbessert sich das Blatt bis man im Spiel des Lebens wieder die echten Trümpfe aufspielen kann.

Ich danke an dieser Stelle meiner Frau Sylvia für das Starksein in Momenten wo ich es nicht mehr konnte und die dafür sorgte, dass wir unser Leben wieder in den Griff bekommen haben.

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