Lieferheld nicht mehr im Dax

Delivery Hero S.E. nicht mehr im DAX

/ 05.06.2022 / / 20

Ab und an überprüft die Deutsche Börse als Herausgeber des Deutschen Aktien-Index (DAX) ihre 40 Top-Pferdchen, ob sie denn wirklich den Anforderungen entsprechen: Liquidität, Bedeutung, Wertigkeit, Zukunft… Nach der letzten Prüfung heißt es dann Abschied nehmen von einem jungen, wilden und dynamischen Aktien-Helden: Die Delivery Hero S.E.  aus  Berlin – eine Aktiengesellschaft nach europäischem Recht – ist draußen, neu und wieder dabei: Beiersdorf und während Berlin als Hauptstadt der Startups um den Imageverlust eines ihrer Vorzeige-Projekte trauert, knallen in Hamburg die Sektkorken zur Wiedergeburt einer Marke, an der zu zweifeln das Unternehmen nicht zulassen wollte. Nivea wurde gegründet zu einer Zeit, da saß der Kaiser noch sicher hoch zu Roß. Aktiengesellschaft zu sein, das bedeutete damals schon was. Eine Creme, die so alt ist wie das junge Deutschland sticht ein Unternehmen aus, hinter dem nicht mehr als eine Idee steckt. Verrückte Welt – laufen die Uhren rückwärts?

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Wie kam Delivery Hero in den DAX?

In den Dax kommen die 40 Unternehmen, die in den letzten 20 Börsentagen die höchste Marktkapitalisierung aufweisen können. Neben diesem Spiegel des Status Quo gibt es noch ein paar Eintrittsdetails: Hält ein Großaktionär mehr als fünf Prozent der Anteile, werden diese bei der Berechnung des Gesamtwertes aller Aktien nicht berücksichtigt. Mindestens zehn Prozent der Aktien müssen außerdem frei handelbar sein. Neue Transparenzregeln, die nach der Wirecard-Pleite für notwendig erachtet wurden, verschärfen den Zugang zum DAX.

Es müssen sowohl Geschäftsberichte als auch Quartalsberichte veröffentlicht werden. Die Marktkapitalisierung war seit dem Börsengang der Delivery Hero S.E ständig gewachsen, insbesondere durch die Restaurant-Schließungen im Lockdown bedingt. Erst als sich Gewinnerwartungen verzögerten und es Bedarf an frischem Geld zur Deckung von Liquiditätsengpässen  gab, endete das Aktienwert-Wachstum und die Kurse brachen ein. So bestimmt eigentlich der Taschenrechner, wann ein Unternehmen DAX-reif ist und wann nicht.

Der DAX ist damit nicht wirklich ein Indikator für die Leistungsfähigkeit eines Unternehmens – der Dax spiegelt ledigllich den aktuellen Marktwert aller Aktien in Summe wieder. Ginge es um Profite, dann gäbe es keine Startups wie Lieferheld im Index: Das Unternehmen hatte jüngst angekündigt, frühestens in 2023 Abschied aus der Verlustzone nehmen und schwarze Zahlen schreiben zu können. Für Investoren und Aktionäre bedeutet die Warterei, dass es erstmal keine Ausschüttungen von Gewinnen gibt, denn wachsende Marktkapitalisierung hat nichts mit Gewinnen zu tun. Gewinne können nur nach Jahresabschlüssen und positiven Testaten von Wirtschaftsprüfern ausgeschüttet werden.

Liquidität ist das Problem vieler Startups

Viele große E-Commerce-Unternehmen sind in der gleichen Situation: Geld ist vorhanden, aber es kommt durch Wirtschaftskraft und Erlöse nichts neue dazu – Kapital wird aufgebraucht.Das kann man für gewisse Zeit in Businesspläne und Bilanzen Einplanen, aber “auf ewig” funktioniert das halt nicht, ohne das Investoren unruhig werden. Ein Breakeven sollte zu Lebzeiten des Aktionärs erreicht werden, sonst gibt’s Unruhe – die führt zu Aktienkurs-Schwankungen. Hinzukommt, dass Investoren wie Holtzbrinck Ventures, die dem Startup eine  Million Euro als Startkapital mit auf den Weg gaben, auch irgendwann “etwas sehen wollen”. Im Jahr 2014 – also zwei Jahre nach Gründung, investierten Geldgeber über 400 Millionen Euro, 2015 steckten die Samwer Brüder (Rocket Internet) mehr als eine halbe Milliarde ins Unternehmen und verlangten dafür 38 % des Aktienkapitals. Rocket Internet verkauft in er Folgezeit Teile des Anleihevermögens . 2015 wurde der türkische Marktführer Yemeksepeti zum Preis von fast 600 Millionen Euro übernommen. 2017 ging das Unternehmen an die Börse und erzielte hier mit Aktienverkäufen einen Erlös in Höhe von 789 Millionen Euro. Mit 2,4 Milliarden Umsatz in 2020 ist die Delivery Hero S.E. kein Leichtgewicht, allerdings weiß jeder Onlinehändler, dass Umsatz und Gewinn zwei grundverschiedene Schuhe sind. Liest man den Wikipedia-Eintrag zur Delivery Hero S.E.fällt auf, dass der Schwerpunkt im operativen Geschäft wohl nicht nur der Handel mit Würstchen ist, sondern auch der An- und Verkauf von Lieferdiensten weltweit.

Nach Einkäufen oder Durststrecken kann es schon mal eng werden – da reagiert ein Milliarden Haushalt wie eine Pommesbude. Eine Möglichkeit ist, sich immer wieder neues Kapital zu besorgen, aber auch Überschuldung hat Grenzen. Aktuell konnte CEO Niklas Östberg 1,4 Milliarden Euro über Sicherheiten für einen Konsortialkredit sichern. Das half dem Börsenkurs aber nichts und da kennt der DAX kein Pardon: Sinkt die Kapitalisierungsrate, dann gibt es einen Verdrängungswettbewerb. Delivery Hero konnte den Vertrauensvorschuss als Corona-Gewinnler nicht in eine langfristige Erfolgsstrategie umbauen und Kritiker fragen: Wann soll das sonst funktionieren wenn nicht während eines Lockdowns? Nur “auf Trend und Krise” bauen ist halt kein Erfolgsrezept…

Lieferheld ist nun Lieferando

Erste Konsequenz und Liquiditätsaktion war dann wohl, dass die Delivery Hero S.E. ihr Deutschandgeschäft an die das niederländische Unternehmen takeaway.com – verkaufte für angeblich 1, 5 Lilliarden Euro. Die Marken Pizza.de und Lieferheld gingen unter dem Dach der Marke Lieferando (yd. yourdelivery GmbH – Berlin) von nun an fremde Wege. Verbraucher bekommen solche Dinge eigentlich nur mit, wenn ihnen auffällt, dass bestimmte Marken in der Werbung nicht mehr auftauchen

Ganz im Gegenteil dazu die Beiersdorfer, die insbesondere die 1911 gegründete Traditionsmarke “Nivea” wieder in die Erfolgsspur brachten.

Wünschen wir den Helden des Internets alles Gute – aber fragen wir uns auch, wo das enden kann? Treten nach Aktieneinbrüchen weitere Liquiditätsengpässe auf und können diese nicht mit eigenen Einnahmen, Liquiditätsreserven oder frischen Investorena aufgelöst werden, dann droht die Insolvenz. Im Fall Delivery Hero dürfte ein Insolvenzverwalter nicht viel Masse zum Liquidieren finden außer dem Wert der sich im Besitz der S.E. befindlichen Unternehmen, dann Hauptkapital der Delivery Hero S.E. ist die Idee – und die haben mittlweile auch andere. Die Gedanken sind frei – immerhin.

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